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Von Ignoranz zu Integration

Wie bei einer Trennung durchläuft man beim Annähern an das Thema KI erkennbare Phasen. Meine eigene Geschichte – von Ignoranz bis Integration.

Veröffentlicht:
Geschrieben mit Tastatur ohne KI

Sommer 2023. Vielleicht sogar früher. Ich diskutiere mit Freunden darüber, ob KI uns irgendwann ersetzen wird. Inspiriert durch viele Bücher von Asimov und den ersten größeren Berichten in den Medien, dass sich auf dem Gebiet was tun würde. Für mich war das aber noch sehr weit weg. Und dass es mich irgendwann direkt betreffen würde, als Informatiker – nee, dafür ist der Job ja viel zu kompliziert – darüber habe ich nicht mal nachgedacht.

Sommer 2024. Das Thema bleibt in den Medien, man hört von Bekannten und Kollegen, dass sie jetzt täglich mit KI arbeiten. Meinen Alltag betrifft das kaum.

Sommer 2025. Ich entscheide mich, den Weg in die Selbstständigkeit zu wagen, nachdem ich mich viele Jahre nicht getraut habe. Ich will wieder Apps programmieren – das, was mir damals am meisten Spaß gemacht hat.


Kennt wohl jeder, entweder aus eigener Erfahrung oder aus der von Menschen im eigenen Umfeld: Ein:e Partner:in trennt sich von einem. Man glaubt, die Welt geht unter, man ist schockiert. Man leugnet es, ist wütend, verwirrt, trauert und akzeptiert, lernt loszulassen und am Ende…? Am Ende findet man sich selbst, neu und anders, wieder.

Im Moment trenne ich mich. Und nicht nur ich, so ziemlich alle machen das, so oder ähnlich gerade durch. Oder eher: Die technische Realität trennt sich gerade von uns, und wir müssen da jetzt irgendwie durchkommen. So lief’s bei mir:

Phase 1 – Ignoranz

Erst mal nicht wahrhaben wollen. Ja, viele Videos dazu auf Youtube, die Medien hängen wohl in nem Loop, sogar die Tagesschau berichtet, peinlich. Ich bin ja Informatiker, da kenn’ ich mich doch besser aus. Was da versprochen wird, ist doch komplett unrealistisch. Das waren die ersten Wochen im letzten Herbst für mich. Klar, OpenAIs ChatGPT hab’ ich auch schon länger genutzt, aber eigentlich ist das ja auch nur ‘ne Google-Suche ohne Bilder, oder?

Phase 2 – Ablehnung

Ich starte, um wieder ins Coding-Game zu kommen, ein kleines Hobby-Projekt. Android Studio auf – oh, da ist ja Gemini schon integriert – und losgehackt. Ah, wie schön, die Tastaturkürzel sind noch teilweise im Muskelgedächtnis, die letzten Jahre habe ich ja fast nur noch Management gemacht. Den Gemini-Button mal anklicken – ne. Ab und zu mal bei ChatGPT ‘ne Frage stellen, wie die neuen Compose-Funktionen denn am besten zu benutzen sind. Die Antworten kritisch beäugen, aber es dann doch selbst machen.

Phase 3 – Angst

Irgendwann dann doch mal, weil einer der von mir abonnierten Youtuber meinte, das wäre die Zukunft, mal den Agent in der IDE angeworfen, und (rückblickend nur sehr primitiv) einen Prompt abgesetzt. Ging nur um die UI-Schicht, eine Seite mit ein paar Inputfeldern und Buttons. Die KI macht es auf den ersten Wurf perfekter als ich hätte können, kommentiert alles sauber, schlägt – einfach frech – auch noch vor, die Abstände hier und da zu erhöhen, entgegen meiner Anweisung, damit die Lesbarkeit besser wird. Ich ahne, dass das mit meinem Plan, wieder mehr Code zu schreiben, vielleicht nicht klappen könnte.

Phase 4 – Verhandlung

Aber ok… das war bestimmt Zufall. Ich prompte dies, ich prompte das, ich suche und finde (natürlich) unsaubere Implementierungen. Halte mich daran fest, lächle über die Anfängerfehler und das Unverständnis von Zusammenhängen. Mich ersetzen? So ganz bestimmt nicht, werte KI. Da musst du dich schon noch mehr anstrengen.

Phase 5 – Ernüchterung

Shit. Wenn ich die Prompts sauber schreibe, die Techniken nutze, die überall kommuniziert werden, klare Regeln aufstelle und aus jedem Fehler der KI lerne, besser mit ihr umzugehen – dann wird es besser. Ein Bug, den ich selbst einfach nicht sehe. Sonnet 4.6 findet ihn auch nicht (haha). Ich stelle auf Opus 4.7 und ein paar Tokens später ist das Problem gelöst (oha!).

Phase 6 – Verstehen

Ausprobieren, Fehler machen, aus Fehlern lernen, Neues ausprobieren. Das Ergebnis wird immer besser. Wenn ich es richtig mache, passiert jeder Fehler das letzte Mal. Nicht ich merke mir den Fehler, ich schaffe ein System, das den Fehler nicht nochmal macht. Es wird zu einem Werkzeug. Ich lerne es richtig zu halten.

Phase 7 – Integration

Kein Werkzeug mehr, eher ein Kollege. Einer, der in so ziemlich allen Bereichen weitaus besser und schneller ist als ich. Ich plane mit ihm, lasse mir Ratschläge geben, entscheide und lasse ihn umsetzen. Er meckert nie. Manchmal kommt ein Witz, der gar nicht so lustig ist.

Phase 8 – Missionierung

Ja, warum schreibe ich das? Ich will mein Wissen weitergeben, anderen helfen, die Schritte schneller zu durchlaufen. Manche davon waren unangenehm und kräftezehrend. Aber jetzt bin ich an einem Punkt, an dem ich es nicht mehr schade finde, keinen Code mehr schreiben zu können. Ich schaffe Systeme wie damals, aber nicht Codezeile für Codezeile, Datei für Datei. Ich bin auf einer anderen Abstraktionsebene und es fühlt sich gefährlich gut an.


Wie geht’s weiter? Ich weiß es nicht. Phase 9, 10, dann 11? Oder geht alles von vorne los? Oben habe ich geschrieben, die technische Realität trennt sich von uns. Ich glaube, bald werden sich auch nicht-technische Realitäten sehr stark ändern. Das wird deutlich mehr Menschen betreffen als die Informatiker, Texter, Designer, Sachbearbeiter, und Juristen. Die neuen Möglichkeiten werden auf alle Bereiche Einfluss nehmen. Wer jetzt glaubt, davon unabhängig zu sein, hat vielleicht recht. Oder ist noch in der ersten Phase.

ki beobachtung gesellschaft reflexion

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